Vom Umgang mit sich selbst

Mit 40 Jahren habe ich „schon“ Tote im Bekanntenkreis. Herzinfarkte, Suizid, Nervenzusammenbruch mit Kreislaufversagen, alles schon gesehen und erlebt. Ich behaupte mal, der Tod schließt seine Kreise immer enger, je älter man wird. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit, denn gerade in meinem Bekanntenkreis achten die Menschen nicht auf sich selbst. Ich übrigens auch nicht oder zumindest nicht ausreichend. Direkt nach meiner Ausbildung entwickelte ich ein Shopsystem für eine Softwarefirma, die Lernprogramme entwickelte und verkaufte. Diese Software erschien auf CD-ROM und da wir nicht alles über den Ladentisch der Kaufländer und Aldis verkaufen wollten, vertrieben wir die Medien auch über Amazon und eben (mit größtmöglichen Gewinn) über eine eigene, selbst entwickelte Shopplattform. Tatsächlich war mein erstes PHP-Programm überhaupt ein Onlineshop, weil es zu dieser Zeit so etwas noch gar nicht gab. 🙃

Vom Umgang mit sich selbst - im Job

Aber gut - ich will nicht abschweifen. Ich war irgendwas um die 22 Jahre alt und mein Chef war geschmeidige 34 und starb unerwartet an einem beschissenen Herzinfarkt. Wir hatten so viele Pläne. Zusammen mit einem damals großen Wissensportal wollten wir die Lexikonprogramme von der CDROM weg zu einem Online-Nachschlageportal umbauen und hätten quasi einen Vorläufer der Wikipedia gemacht. Wir wären ungefähr zeitgleich gestartet und hatten ja einen gigantischen Pool an vernünftigen Daten. Dann kam Gevatter Tod und riss ihn aus unserer Mitte.

Für mich war das ein so tiefer Schock, dass ich ab da Angst hatte, auch mit 34 Jahren zu sterben. Als ich 34 wurde und noch immer lebte, war ich glücklich. Ihr müsst wissen, zu der Zeit war ich noch so drauf, dass ich auch mal auf 'ner Pritsche im Office gepennt habe, wenn die Deadline immer näher und näher rückte. Nichts war wichtiger, als das Projekt.

Ab da war es für mich erledigt. Kein Job der Welt ist es wert, sich kaputt zu machen und seine eigene Gesundheit zu riskieren. Dabei ist es egal, ob du im Büro sitzt oder ob du Mauern baust. „Jede Überstunde zahlst du doppelt“, sagte ein Freund meines Vaters immer. Dieser Freund war selbstständiger Zimmerer und starb auch weit vor seinem 50. Geburtstag. Ein anderer befreundeter Chef hat seit ungefähr 3 Jahren keinen richtigen Urlaub mehr genommen. Da frage ich mich doch, für wie wichtig man sich selbst halten muss, damit man seine eigene Gesundheit riskiert?!

Der Körper gibt dir ständig Signale. Eine simple Erkältung dauert auf einmal ungewöhnlich lange. Du wachst auf und hast auf einmal einen verspannten Nacken. Du bist ungewöhnlich gereizt und schnauzt im Auto die anderen Verkehrsteilnehmer an. Du hast unerklärliche Kopfschmerzen. Du fühlst dich einfach nicht „gut“ und weißt nicht, warum du einfach immer nur müde bist. Dies sind Warnzeichen. Ignoriere diese Zeichen nicht. Es geht hier nicht um Sport. Ich kenne genug Führungskräfte, die nach 12 Stunden im Büro noch in der Muckibude abspacken und nach dem Workout noch einen Chiasamen-Salat essen, Leitungswasser trinken und Lowcarb machen, weil das ja alles so toll gesund ist. Ich will euch mal was sagen: Der Stress des Jobs ist trotzdem noch immer da. Der Stress wird nicht weniger, wenn du weißt, dass du heute noch ein Workout machen musst.

Gerade ich als IT-ler kann theoretisch auch von zuhause arbeiten. Fuck, ich mach das sogar regelmässig, weil ich zuhause die besseren Arbeitsumgebungen habe. Mein Telefon zuhause ist grundsätzlich abgeschaltet und ich lasse mich wesentlich weniger ablenken. Allerdings sorgt es auch dafür, dass ich zuhause den Fehler mache „Arbeit“ abzuschließen. Mein Körper und mein Geist denken immer wieder, dass ich ja noch etwas zu tun hätte oder noch etwas lösen könnte.

Fuck that - wenn Feierabend ist, solltest Du an nichts mehr denken müssen, was mit deinem Beruf zu tun hat.

Ich für mich habe schon vor langer Zeit beschlossen, dass mein Job nicht mein Leben bestimmen darf. Ich muss das gerne tun, was ich tue! Ansonsten kann ich diesen Mist auch gleich bleiben lassen. Und deshalb mag ich meinen Job beim derzeitigen Arbeitgeber im großen und ganzen eigentlich. Ich teile mir meine Aufgaben selbst ein und erstelle täglich Snapshots, damit meine Kollegen von dem System profitieren. Im Grunde läuft es ziemlich gut.

Zuhause - auch da muss man auf sich achten

Wenn du zuhause bist, ist der Job abzuhaken. Den Job gibt es zuhause nicht. Der einzige Sinn des Jobs aus der Zuhause-Sicht ist die Finanzierung der Miete und des Essens. Der Rest ist völlig wurscht. Die Probleme im Job bleiben vor der Haustür, außer dir hilft es, mit deinen Leuten darüber zu reden. Aber auch zuhause musst du mal „Du“ sein. Du bist nicht nur Vater oder Mutter. Du bist „Max“ oder „Lucy“ und das ist wichtig. Gönn dir wenigstens eine Stunde Ruhe für dich selbst. Gehe spazieren und denke nicht an die Sorgen zuhause. Du und dein Partner braucht ein Agreement, dass jeder sich mal um sich selbst kümmern kann. Dann genießt man die Zweisamkeit viel mehr und ist auch automatisch als Eltern cooler, weil man eben lockerer ist. Du musst für die Kinder sowieso Taxi spielen, Elternsprechtage und -Abende besuchen und so weiter und so fort. Wenn du dort dann noch den Kotz aus dem Büro mitnimmst, garantiere ich dir ein unglückliches Leben.

Die sozialen Medien

Nutze die Blockfunktionen von Facebook und Twitter. Diskutiere nicht endlos lang mit Leuten, deren Meinung dir nicht gut tut. Ich habe lange, lange mit Anhängern der rechten Parteien darüber diskutiert, warum diese Parteien keine Lösungen bieten, sondern immer nur die Schuld bei anderen Leuten (Flüchtlingen) suchen. Die Diskussionen liefen grundsätzlich darauf hinaus, dass ich frustriert war und gleichzeitig noch als linksversiffter, idealistischer, dummer Vollidiot tituliert wurde. Ganz ehrlich: Ich bin lieber ein glücklicher, linksversiffter Vollidiot, als ein verbitterter Spacko, der seine eigene Inkompetenz nicht einsieht und irgendwelchen Muslime dir Schuld für alles gibt. Wenn du glücklich sein willst, blocke die Leute weg. Sie haben schließlich auch kein Problem damit, dich zu beleidigen. Scheiss auf sie und ihre „Meinungsfreiheit“. Sie sind schlecht für dich! Sie verstehen dich absichtlich falsch.

Fazit

Ich habe für mich selbst eine Art „postiven Egoismus“ eingeplant. Ich denke in dieser Zeit ausschließlich nur an mich selbst. Ich fahre zwischendurch nach Dangast oder Schillig und denke, dass mich alle am Arsch lecken können. Das tut mir gut. Im Job sage ich klar und deutlich „Nein“, wenn mir was zu blöde ist. Das ist keine Arbeitsverweigerung, sondern ich begründe auch, warum ich das nicht machen werde. Und wenn ich das doch mache, dann bestehe ich darauf, dass diese Leistung gewürdigt wird, selbst wenn es nur ein lahmes „Danke“ ist.

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