Musikproduktion unter Linux

Musikproduktion unter Linux

Ich muss euch nichts mehr über die Vorteile von Linux gegenüber anderen Betriebssystemen erzählen. Linux ist normalerweise extrem stabil, genügsam und ziemlich performant. Allerdings wollt ihr Musik mit Linux machen und Musiksoftware ist Spezialsoftware. Es gibt nicht viele große Hersteller von Musikprogrammen und 99% der DAWs, Harddiskrecorder und Sequencer erscheinen in der Regel nur für Mac oder Windows. Ich gehe weiter unten noch darauf ein, was eine DAW eigentlich ist.

Im Profibereich gibt es momentan nur Bitwig-Studio für Linux. Benutzer von Cubase, ProTools, Logic, Ableton oder auch Sonar gucken in die Röhre. Diese Programme gibt es nicht für Linux, stellen aber den Standard für professionelle Musikprogramme dar.

Warum überhaupt dann Linux?

Ich selbst komme aus dem Bereich der elektronischen Musik, wobei der Begriff dank virtueller Symphonieorchester mittlerweile echt dehnbar geworden ist. Immerhin stammt der Soundtrack von z.B. Game of Thrones auch direkt aus nem Rechner und ist damit technisch nicht aufwändiger produziert als irgendein David Guetta Song auch. Ich habe gerade früher viele Songs selbst erstellt und auch eine Zeit lang erfolgreich als Remixer für ein paar Projekte gearbeitet. Allerdings habe ich zu dieser Zeit noch Windows genutzt, denn ich war einfach nur Anwender und bin  mit Windows 7 eigentlich ziemlich happy gewesen. Für meine Zwecke hat das Betriebssystem gereicht. Irgendwann stellte mein Windows unrettbar den Dienst ein und für mich war das der Grund, sich mal etwas anderes anzugucken.

Herausforderungen

Wenn du mit Linux Musik machen möchtest, musst du dich darauf einstellen, dass du nicht einfach so loslegen kannst: Bei Windows oder Mac installierst du dir deine digitale Audio Workstation, eventuell noch einen alternativen Audiotreiber - bei Windows wäre das ASIO - und klemmst dein Midi-Equipment an. In der Regel sind Musikprogramme genügsam und funktionieren unter diesen Betriebssystemen direkt und ohne weitere Anpassungen.

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Bei Linux stehst du hier vor anderen Herausforderungen. Zuerst mal musst du ein Musikprogramm finden, das zu dir passt. Da es jetzt nicht so wirklich viele Linux-Musiker gibt, kann dir eigentlich keiner so richtig eine Empfehlung für ein professionelles Musikprogramm aussprechen. Die meisten Musiker kennen Musikprogramme von anderen Musikern und haben die Produkte dort mal benutzt, bevor sie sich selbst diese Programme gekauft haben. Linuxer haben das Problem, überhaupt andere Linuxer zu finden, die dann auch noch den Schritt gewagt haben, Linux als Desktopsystem zu benutzen.

Wovon reden wir hier eigentlich?

Harddisk-Recording

Ganz früher ging eine Band ins Studio, betrat den Aufnahmeraum und alle Instrumente wurden gemeinsam aufgenommen. Die Aufnahme wurde auf Band gespeichert und diente als Master für die Plattenproduktion. Man bemerkte aber recht früh, dass es besser klingt, wenn man die Künstler getrennt voneinander aufnimmt und die einzelnen Spuren auf einzelnen Bändern speichert.

Hier konnte man in der Postproduction die Sounds einer Gitarre knackiger machen und den Drums mehr Präsenz geben. Die Tonbänder wurden abgelöst von DAT (Digital Audio Tape). Als Festplattenplatz immer günstiger wurde, wurden erst Hardware-Recorder populär und später wurden diese Geräte durch normale Computer abgelöst. Einzige Bedingung für Harddisk-Recording ist: Man hat unfassbar viel Plattenplatz und das Betriebssystem muss schnelle Lese-/Schreibzugriffe ermöglichen.

Sequencer-Software

Als sich die digitale Audiotechnik immer mehr durchsetzte, konnte man in den ersten cooleren Keyboards eine Melodiespur eingeben und speichern, danach eine weitere Melodie oben drauf spielen und am Schluss auch Bässe und Drums über das Keyboard eingeben.

Diese Noten wurden in einer Sequenz abgespeichert, daher nannte man das bereits Sequencer-Programmierung. Als der MIDI-Standard sich etablierte, konnten Computer die Speicherung der Noten übernehmen. Dort konnte man auf dem Bildschirm die Noten nach der Eingabe auch schon per Drag and Drop verschieben, um ein tighteres Spiel zu kriegen oder um Fehler zu beheben.

Digital Audio Workstation

Sowohl die Mikrophonaufnahmen als auch die Midi-Sequenzen müssen aufeinander abgestimmt werden. Der Gesang des Sängers muss zu den Akkorden des Gitarristen passen und alles zusammen muss zum Beat des Schlagzeugs passen. Am Ende soll das ganze auch laut sein und nicht verwaschen klingen.

Eine Digital Audio Workstation oder DAW übernimmt genau diese Aufgabe. Du findest hier eine Möglichkeit, alle Tonspuren und Sequenzen zu Arrangieren und kannst jeden einzelnen Kanal mit Effektketten (Hall, Equalizer, Kompressor) belegen und ersetzt damit komplett ein Mischpult und eben diese riesigen Effektgerät-Schränke, die man früher noch in Tonstudios benötigte. Eine DAW ist also die Kombination von HDD-Rekorder, Sequencer und Mischpult. In der Regel können DAWs mit Plugins erweitert werden.

Pluginstandards

Der größte und bekannteste Pluginstandard ist VST von Steinberg. Dieser Standard erlaubt die Erweiterung von Musikprogrammen und weitere Effekte wie Hall und Reverb. Es ist aber auch möglich, VST-Instrumente über MIDI zu steuern. So hat der VST-Standard mittlerweile diverse Synthesizer abgelöst und man bekommt tatsächlich das oben angesprochene Symphonieorchester simuliert.

VST gab es zuerst nur für MacOS und Windows, mittlerweile gibt es in Linuxdistributionen aber auch LVSTs, also Linux-VSTs. Diese Plugins sind aber vergleichsweise selten.

Unter Windows gibt es noch DXSound-Plugins und exklusiv für die Apple-Rechner gibt es Audiounits.

Unter Linux gibt es neben VST noch DSSI, Ladspa und in manchen Programmen auch schon LV2-Plugins. Über Wine ist es möglich, viele der Windows-Plugins über eine Containersoftware auch unter Linux zu nutzen.

Bestandsaufnahme

Unter Linux gibt es wahnsinnig viele Musikprogramme. Unter Linux gibt es aber auch wahnsinnig viele Texteditoren. Diese Analogie soll aufzeigen, dass ich dir keinen Sequencer direkt empfehlen kann und das auch nicht will. Im Grunde musst du ausprobieren, welches Programm am besten zu dir passt. Für mich selbst ist Renoise das nonplusultra, allerdings kann man damit eher schlecht Harddiskrecording machen. Ich werde in diesem Vortrag auf die bekanntesten Musikprogramme für Linux eingehen, allerdings werde ich nicht die Benutzung dieser Programme erklären, da das den Rahmen sprengen würde.

Als Platzhirsche kann man unter Linux noch Rosegarden, Ardour und LMMS nennen:

Rosegarden ist ein reiner Midisequencer und Ardour hat erst in den letzten Paar Versionen Midi-Sequencing dazu bekommen.

LMMS war ursprünglich einmal als Nachbau des populären Fruityloops beziehungsweise FLStudio gedacht, hat sich aber mittlerweile zu einer recht genialen DAW abgekapselt.

Wenn man in den Linux-Paketquellen nach Musikprogrammen sucht, gibt es noch hunderte kleinerer Projekte, die allerdings oft von Einzelkämpfern bestritten werden oder - noch schlimmer - nicht weiter entwickelt werden.

Problemstellungen

Die DAWs für Linux sind allesamt ziemlich professionell, allerdings sind Programmabstürze dieser Tools unter Linux ein wenig häufiger als unter Windows. Woran das genau liegt, weiß ich leider nicht. Ich vermute, dass die Treiber daran schuld sein könnten, denn man benötigt sehr kurze Latenzzeiten, die von Opensource-Treibern mangels Hardwaredokumentation manchmal nicht geleistet werden können.

Ein großes Problem ist natürlich auch die mangelnde Unterstützung von Linux durch die Softwarefirmen. 99% der coolsten Soundplugins gibt es nicht, also muss man sich dort an Wine-Einstellungen wagen und hoffen, dass das Problem damit gelöst werden kann.

Nicht zuletzt bleibt wieder mal die Hardware: MIDI selbst wird aufgrund des biblischen Alters auch unter Linux natürlich nahtlos unterstützt. Es gibt also die nötige Softwareunterstützung dafür. Denke aber daran, dass die meisten Treiber von Opensourclern aufgrund von Reverse-Engineering mühevoll nachgebaut werden müssen. Bei der allerneusten externen Soundkarte wirst du vermutlich nicht den vollen Funktionsumfang ausnutzen können.

Die beste Linuxdistribution für Musikproduktion

Das schönste an Linux ist die Vielfalt der Distributionen. Für jeden Einsatzzweck gibt es eine spezielle Linuxdistributionen. Es gibt Distributionen für Schulen, wissentschaftliche Distributionen, Gamer-Distributionen, Distributionen speziell für CGI-Artists, Distributionen für Hacker und eben auch Distributionen speziell für Musiker.

Gehen wir mal davon aus, dass Du als Musiker eine Koryphäe bist, dir das Betriebssystem aber ausschließlich die Arbeit abnehmen soll und du keine Lust hast, groß herumzukonfigurieren. Dann benötigst du wahrscheinlich ein Linux, welches auf Ubuntu oder Debian aufsetzt. Diese Distributionen zeichnen sich durch ihre Einfachheit aus. Installation des Betriebssystems ist supereinfach und dank Synaptic kann wirklich jeder mittlerweile die Pakete dazu installieren, die man will.

Renoise

Ubuntu erscheint in speziellen Versionen. Ubuntustudio ist zum Beispiel eine Distribution, die sich komplett an Medien-Künstler wendet. Fedora Linux bietet mit der Design Suite eine entsprechende Distribution an, die sich in erster Linie allerdings an Grafiker wendet.

GNU/Linux, also die Distributionen, die konsequent auf freie Software setzen, tun sich etwas schwer mit den Lizenzen von Steinberg, daher würde ich spontan davon ausgehen, dass kein Wrapper für VST auf diesen Systemen läuft. Ubuntu und Debian erlauben die Installation dieser Tools durch DEB-Pakete, speziell bei Ubuntu weiß ich auch, dass es entsprechende PPAs gibt.

Ich selbst nutze Antergos, was wiederum auf Arch basiert. Da es sich hier um ein Rolling-Release handelt, habe ich normalerweise Zugriff auf die neusten Versionen dieser Tools. Allerdings ist Arch und damit auch Antergos zumindest ein wenig schwerer zu bändigen, als Ubuntu. Oft muss man die Pakete selbst kompilieren und wenn man die Fehlermeldungen nicht richtig deuten kann, muss man häufig in Foren nachfragen.

Wie setze ich Linux im Studio ein?

Angenommen, deine Hardware ist nicht besonders speziell, kannst Du Linux nahtlos und aufgrund der Performance gerade bei Dateioperationen super für HDD-Recording einsetzen. Du kannst bei der Installation von Linux ein beliebiges Dateisystem für deine Partitionen verwenden, das Ext4fs ist aber normalerweise das schmerzloseste System für solche Aufgaben.

Wie nutze ich Plugins?

Ich kann nicht oft genug betonen, dass die meisten Plugins für Windows geschrieben werden. Das bedeutet, dass diese Plugins mit Glück unter Wine gestartet werden können. Allerdings hilft es deinem Programm nicht, eine Windows-DLL zu öffnen. Für Plugins benötigst du ein Programm, dass deiner DAW vorgaukelt, das das zu verwendene Plugin ein Linuxplugin ist.

Airwave: Dieses Programm arbeitet wie eine Art Proxy-Server. Man setzt einen Link zur Windows-VST-DLL. Airwave selbst erstellt einen VST-Host, der wiederum ein Linux-VST-Plugin ist. Damit das Windows-VST benutzt werden kann, wird Wine eingebunden. Um Airwave zu benutzen, benötigst du eine aktuelle Wine-Version und das VST-SDK, welches leider nicht bei Linux-Distributionen dabei ist, sondern irgendwo bei Steinberg bezogen werden kann.

Carla: Hier hast du einen Pluginhost, der diverse Pluginstandards unterstützt.  LADSPA, LV2, VST2/3, DSSI und AU plugins. Außerdem kann Carla Gigasampler (gig) und Soundfonts verarbeiten. Carla kann als VST geladen werden, das Rack erlaubt auch das Koppeln von mehreren Plugins als Effektkette.

Carla

DSSI-VST: Tatsächlich am einfachsten einzurichten ist DSSI-VST. Bei mir selbst lief diese Lösung am stabilsten, allerdings kann DSSI-VST einige Dinge nicht, die VST selbst aber anbietet. So werden Effekte nicht zur Geschwindigkeit des Host-Programmes synchronisiert. Heißt: Wenn Du ein Delay von einem Achteltakt bei 140 BPM eingestellt hast (ca. 58 ms) und du dann die BPM-Zahl erhöst, musst du die Delays im Plugin händisch neu einstellen. Der angepasste Wert wird nicht übergeben.

Anpassungen für die Musikproduktion

Sound-APIs

Früher hat man eine Soundkarte eingebaut, eventuell noch einen Treiber installiert und anschließend kam Musik aus dem Computer. Bei Windows kann man zur Wiedergabe von Sound nach der Treiberinstallation in der Regel zwischen WaveMapper und DirectSound wählen. Beide Standards sind für ernsthafte Musikproduktion zu langsam. Daher bieten viele Soundkartenhersteller noch ASIO-Treiber an. ASIO ist ein sehr schnelles Transportprotokoll für Audio und sorgt für sehr kurze Latenzen

ASIO gibt es nicht für Linux. Dort muss man Jack benutzen. Jack ist ein sehr schnelles Audioprotokoll und noch vieles mehr.

Grundsätzlich muss man sich Jack installieren. Jack ist für Linux das, was für Windows ASIO ist. Es handelt sich hier um einen extrem latenzarmen Soundtreiber, der freies Routing von Audiokanälen erlaubt und vieles mehr.

Benutzerrechte

Dein User sollte der Gruppe "audio" vorhanden sein und der Gruppe sollte über die limits.conf realtime Priorität gegeben werden. Das Installieren eines Realtime-Kernels ist nicht unbedingt notwendig, kann allerdings noch ein wenig Performance bringen.

Bei der Musikproduktion solltest du auf Internet verzichten. Ich weiß nicht wieso, aber ein Rechner reagiert bei Musikbearbeitung wesentlich schneller, wenn alle Netzwerkverbindungen getrennt sind und WLAN aus ist.

Und du?

Hat dir dieser Beitrag geholfen? Möchtest Du Windows den Rücken zuwenden und nun versuchen, Linux für deine Einsatzzwecke zu nutzen? Wenn ja, schreib mir! Wenn nein, schreib mir auch! ♥


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Kommentare


Hallo Marcel, Interessant ausgeführt, Dein Artikel zum Thema Musik & Linux. Auch wenn inzwischen seit 2 Jahren bei mir ein Ubuntu werkelt und z.B. meine Hercules-DJ-Console nicht zur Funktion zu bewegen ist, kann ich damit leben. Die Music-Workstations wie lmms, oder auch Renoise funktionieren sehr gut, es macht Freude damit zu "spielen". Auch wenn ich zu Windows-(7)-Zeiten mit Ableton-Live viel remixed hab' und damit sehr gut klarkam, vermisse ich Windows nicht mehr. Auch für Linux wird sich für jedes Problemchen eine Lösung finden, manchmal muss man einfach Geduld mitbringen. Für mich als Hobby-Musiker ist Geduld kein Problem, für gewerbliche Musiker können Inkompatibilitäten, Latenzprobleme usw. aber teuer werden. Entweder die bleiben bei Windows und kaufen jede Software, oder sie engagieren einen musikbesessenen Programmierer, der sich in allen "Untiefen" aller Linux-Systeme auskennt..... Bitte hier weitermachen ! Gruß Juergen
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