Archlinux Tonstudio in 9 Schritten

Ich weiß, ihr liebt Listen. Also gibt es heute auch mal ein Listenposting von mir, wie man seinen Arch-Linux-Rechner komplett in ein DAW-fähiges System verwandelt. Ich präsentiere euch also den ultimativen Archlinux-VST-DAW-Installationsguide:

  1. Cadence: Mit Cadence habt ihr ein alternatives Kontrollpaket für den Linux Jackserver. Cadence erlaubt das Starten, Stoppen und konfigurieren von Jack. Es gibt jede Menge Tools, um Audiorouten festzulegen und nicht zuletzt werden die Abhängigkeiten für ein vernünftiges DAW-Setup komfortablerweise gleich mit installiert.

    Jack selbst ist eine Audio-Schnittstelle für Linux, die vielleicht am ehesten mit dem ASIO-Standard vergleichbar ist, den ihr vielleicht aus der Mac und Windowswelt kennt. Aber Jack ist noch viel mehr. Du kannst hier jedes Audio-Output einer Software in eine andere Software umleiten. Außerdem erlaubt Jack extrem niedrige Latenzzeiten, was gerade für Echtzeit-Aufnahmen wichtig ist.

    Installation über:

    yaourt -S cadence
  2. gcc-multilib: Auch wenn es wirklich viele verdammt gute Linux-VST-Plugins gibt, so ist die Masse der Plugins doch eher in der Windowswelt zuhause. Unverständlicherweise, wie ich finde, denn die Linuxer sind erfahrungsgemäß die dankbareren Kunden, die durchaus auch Geld für gute Software ausgeben.

    Damit du Windows-VSTs nutzen kannst, musst du neben Wine (was bei Airwave unten mitinstalliert wird) auch die gcc-multilibs installieren, damit du 32bit-VST-Plugins in einer 64bit-Umgebung benutzen kannst.

    Installation:

    sudo pacman -S gcc-multilib
  3. Airwave: Airwave ist eine Bridge, die es erlaubt, Windows-VST-Plugins unter Linux zu starten. Den Plugins wird dank Wine vorgegaukelt, dass Sie sich in einer Windows-Umgebung befinden. Da Airwave selbst als Wrapper-Prozess ziemlich „genügsam“ ist, ist die Ausführungszeit/Performance der verwendeten Plugins nicht wirklich schlechter, als wenn die Plugins nativ unter Windows laufen würden. Airwave benötigt das Steinberg VST-DSK, damit Du es kompilieren kannst.

    Der Vorteil bei Arch bzw. dem Repository aus dem AUR ist, dass das SDK dir direkt mitgegeben wird, was bei Github aus Lizenzgründen nicht möglich ist. Du musst Airwave zwangsläufig selbst kompilieren.

    Installation über:

    yaourt -S airwave-git
  4. Carla: Carla ist eine komplette Patchbay für all deine Audiowünsche. Du kannst Midi-Kanäle in VST-Plugins (auch Windows-VST) umrouten, du kannst DSSI-Plugins laden und der Linuxsampler wird dir mitinstalliert. Carla ist unfassbar mächtig und die Möglichkeiten dieser Software würden dieses Posting sprengen.

    Installation über:

    yaourt -S carla-git
  5. winetricks / gdiplus: Winetricks ist notwendig, um den Plugins zusätzlich einige „Windowsumgebungen“ vorzugaukeln. Es kommt durchaus vor, dass die Plugins selbst keine Benutzeroberfläche anzeigen. Das liegt an der Komplexität von Wine (Bugs), aber oft auch daran, dass sich Plugin-Entwickler nicht an die vorgegebenen API-Befehle halten.

    Ich habe festgestellt, dass Plugins mit gdiplus ihre Oberfläche oft dann doch noch anzeigen.

    Installation winetricks:

    sudo pacman -S winetricks

    Installation gdiplus

    winetricks gdiplus
  6. Eine DAW: Keine Musik ohne eine entsprechende Sequencersoftware. Es gibt unter Linux tatsächlich sehr viele verschiedene Programme, um deine musikalischen Ideen zu verwirklichen. Zusätzlich laufen viele der bekannten Windows-Programme auch dank Wine relativ problemlos. Selbst getestet habe ich z.B. diese Windows-Programme:
    • Reaper: Lief bei mir ziemlich elegant, bei der Installation musste ich nichts weiter beachten
    • Ableton: Einer der beliebtesten Sequencer überhaupt lässt sich über das Playonlinux-Paket sehr schmerzlos installieren. Bei einer aktuellen Wine-Version konnte ich keine Schwierigkeiten feststellen. Die Performance selbst ist vergleichbar mit der unter Windows.
    • Cubase: Cubase ist für Windows geschrieben worden, das merkt man hier sehr deutlich. ASIO, VST und eben Cubase selbst stammen von Steinberg und sind bestmöglich an die Anforderungen des Betriebssystems aus Redmond angepasst. Ich habe gar nicht erst versucht, das System zu installieren, weiß aber, dass Cubase 4 zumindest einigermaßen funktionieren soll.

    Wir wollen aber ja unter Linux Musik machen. Das geht super! Immerhin gibt es unter Linux auch unzählige DAWs.

    • Rosegarden: Rosegarden begann seinerzeit als reiner Midisequencer. Mittlerweile ist das Programm eine vollwertige DAW.
    • lmms: Linux Multimedia Studio sollte ursprünglich ein freier Nachbau von Fruity Loops sein, bzw. FLStudio. Die Ähnlichkeit, gerade bei älteren Versionen ist frappierend, doch mittlerweile ist lmms eine eigenständige, mächtige DAW. lmms läuft mittlerweile sogar unter Windows.
    • Ardour: Ardour ist eine professionelle DAW, die sich von der Benutzung her an ProTools orientiert, dabei mittlerweile auch annähernd den Umfang dieser Software hat. Wie lmms auch, kannst Du Ardour mittlerweile auch unter Windows mal ausprobieren, falls du noch immer nicht zu Linux gewechselt hast.
    • Renoise: Mit Renoise verbindet mich seit 15 Jahren echte Liebe. Damals nutzte ich - wie viele Musiker - Windows. Cubase war mir zu teuer und zu "midilastig" und ich komme ja aus der Trackerszene. Fasttracker II von Triton war mein Werkzeug. Als Windows erschien, nutzte ich Modplug Tracker. Der Tracker ist super, hat aber eben nicht den typischen Trackercharme.

      Renoise erschien 2002 und ich war komplett geflashed. VSTPlugins, eine Benutzung wie FT2 und eine geile Benutzeroberfläche fesselten mich bis heute an den Rechner. Mittlerweile gibt es Renoise auch für Linux und der Installer selbst läuft tadellos auch unter Archlinux.

    • Bitwig Studio: Einige der Ableton-Entwickler haben sich mit Bitwig selbstständig gemacht und eine DAW erschaffen, die wirklich sehr stark nach Ableton aussieht. Bitwig lief von Anfang an nativ unter Linux und lässt sich unter Arch über AUR nachinstallieren.
  7. Performance: Das faszinierendste an Linux im Tonstudio ist die Tatsache, dass selbst ein komplett per Standard installiertes Ubuntu sich von der Performance her nicht hinter Mac oder Windows verstecken muss. Du musst halt wissen, wie man Jack installierst, da nur Jack die nötige Geschwindigkeit für Audio bietet.

    Dein Benutzerkonto muss teil der Gruppe audio sein. Füge dich also selbst zur Gruppe audio hinzu.

    gpasswd -a deinname audio

    Für Musikbearbeitung ist es auch ratsam, einen Realtime-Kernel zu benutzen. Arch bietet hier die Auswahl zwischen dem linux-rt und dem linux-rt-lts. Wenn Du einen dieser Kernel benutzen möchtest, vergiss nicht, diesen Kernel im GRUB einzutragen. Ich selbst nutze übrigens keinen Realtime-Kernel.

  8. DJ-Mixing: Es gibt unter Linux ein Quasistandard-Tool namens Mixxx. Dieses Programm steht den bekannten Programmen wie Traktor oder VirtualDJ vom Funktionumfang kaum noch nach.
  9. Hardware: Kernel sei Dank (wollte Religionskontext vermeiden) läuft mittlerweile so einiges an Hardware direkt mit Linux. Wir wollen ja professionell Musikmachen. Dafür brauchen wir in der Regel eine externe Soundkarte (Firewire / USB) und/oder geil verbaute Soundhardware. Wenn das Gerät nicht gerade heute morgen neu auf dem Markt erschienen ist, ist die Chance relativ hoch, dass Linux deine Hardware erkennt und dir auch direkt innerhalb der DAWs zur Auswahl anzeigt.

Das war also mein Listenposting zum Thema Linux im Studio. Wenn ich was vergessen habe, schreibe mir doch in die Kommentare und teile diesen Beitrag, falls du ihn irgendwie nützlich fandest.

Leider hat hier noch keiner seinen Senf zum Thema abgegeben. Sei du doch der erste. Oder die erste. Oder das letzte.
Geschrieben von Marcel Schindler am 31.03.2017
LinuxMusik,
VST-Plugins unter Arch Archlinux Tonstudio in 9 Schritten


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