Belaestigung ist Alltag

Belaestigung ist Alltag

Dies ist ein Artikel, der mir am Herzen liegt. Ich habe diesen Artikel von mehreren unabhängigen Frauen probelesen lassen, bevor ich ihn veröffentlicht habe.

Weinstein war nur der Anfang

Harvey Weinstein hat Frauen sexuell belästigt. Wenn Du nicht gerade unter einem Stein lebst, hast Du sicherlich mitbekommen, dass der Hollywood-Produzent tatsächlich die „Casting-Couch“ noch in echt genutzt hat und Frauen mit mehr oder weniger Druck dazu zwang, ihn zu massieren oder sich massieren zu lassen. Er hat unter anderem Charmed Darstellerin Rose McGowan vergewaltigt. Der Schauspielerin Heather Graham aus Austin Powers hat er eine Rolle angeboten, wenn sie mit ihm schlafen würde.

Mittlerweile schlägt die Weinstein-Geschichte gigantische Wellen. Dabei geht es nicht mehr nur um den Produzenten selbst, sondern um das System der mächtigen Männer allgemein. Es gibt mittlerweile auch Fälle deutscher Schauspielerinnen, wie zum Beispiel Jasmin Tabatabai, die klar sagen, dass auch sie sexuell belästigt wurden und dass das Alltag ist. Bei Castings müssen unbekannte Starlets nackt auftreten, sich in eine Reihe stellen und sich Vorwürfe anhören, dass sie zu fett sind. Das passierte Jennifer Lawrence (Tribute von Panem). Sie sollte schnellstmöglich abnehmen und stand aufgereiht mit lediglich getapeten Geschlechtsorganen vor einer Casting-Agentin. Als sie sich darüber bei einem anderen Produzenten beschwerte, sagte dieser übrigens nur „you're fuckable“. Erst jetzt, wo sie selbst ein einflußreicher Star ist, konnte sie über die Geschichte sprechen. Reese Witherspoon wurde bereits mit 16 von einem anonymen Regisseur belästigt und ihr wurde nahegelegt, über diese Sache zu schweigen.

Das Hashtag #MeToo schlägt in den sozialen Netzwerken gerade ein, wie eine Bombe. Unter diesem Hashtag veröffentlichen tausende Frauen Fälle davon, dass sie in irgend einer Form sexuell mißbraucht wurden oder aber aufgrund der Tatsache, dass sie einfach nur eine Frau sind, herabgewürdigt wurden. Initiiert wurde dieses Hashtag unter anderem von Alyssa Milano, die von Kindesbeinen an auch in TV und Kino zu sehen war und selbst Opfer solcher Übergriffe wurde.

Verhalten

Ey, Praline! Bock auf ne Füllung?

Ich selbst habe einen schon ziemlich direkten Flirtspruch gepostet und darauf hingewiesen, dass der Spruch doch nach einem Lächeln überhaupt gar nicht schlimm wäre. Dank @mimmelitto bin ich auf einen sehr interessanten, gruseligen und aufschlußreichen Artikel aufmerksam geworden Warum wir bei Männern lächeln, die uns sexuell belästigen. Frauen lächeln auch dann freundlich, obwohl sie lieber kotzen würden. Die Lektüre dieses Artikels hat mich insofern fertig gemacht, weil ich einerseits wohl ziemlich naiv bin und andererseits die Gründe für das Anlächeln des Feindes nachvollziehbar fand.

Warum lächelt sie?

Grundsätzlich erst einmal Entwarnung. Eine Frau, die dich von sich aus anlächelt, tut das vermutlich wirklich aus Sympathie. Die Frau ist also grundsätzlich erst einmal nicht abgeneigt und findet dich von der Art her erst einmal okay. Das muss man mal kurz festhalten, sonst würde die Menschheit aussterben.

Bei dummen Flirtsprüchen oder unheimlichen Anstarren lächeln viele Frauen nämlich auch. Ganz offensichtlich ist das bei all den Theken-Mädels in den Diskotheken, die sich Abend für Abend die dummen Baggersprüche der Kundschaft anhören wollen. Neben der Tatsache, dass eine unfreundlich blickende Thekenkraft einfach mal nichts verdient, ist das Lächeln Deeskalation. Ein weibliches Lächeln hat eine beruhigende Wirkung auf besoffene Typen. Wenn die Frau den angetrunkenen Mann nicht anlächelt, neigt er dazu, offensiver zu werden. Ein Lächeln hilft, dass der Typ sich glücklich fühlt und eventuell sogar schon von der Frau ablässt und seinen Kumpels erklärt: „Die Alte hat mich angelächelt, ich bin der geilste Typ auf Gottes verkackter Erde!!!“

Das ist total krank. Es ist nicht krank, dass Frauen die Typen anlächeln, die sie verbal belästigen. Es ist krank, dass es nachvollziehbar ist, dass sie sich so verhalten müssen. In der Gesellschaft ist es tatsächlich irgendwo verankert worden, dass eine lächelnde Frau sich selbst nur schützt und mit ihrem Lächeln schlimmeres verhindert. Wenn man darüber nachdenkt, wie oft man in der Vergangenheit Zeuge einer peinlichen Situation zwischen Mann und Frau war und sich gedacht hat: „och, die lächelt ja“ und eigentlich hätte eingreifen müssen.

Catcalling

Vor ein paar Wochen ging die Aktion „DearCatCallers“ viral. Eine Frau lief einfach so durch die Stadt und wurde wild von irgendwelchen Männern angesprochen. Einige Sprüche und Gesten waren in meinen Augen noch okay, andere Gesten waren einfach nur platt und einige Typen liefen der Frau glatt zehn Minuten hinterher. Das Projekt selbst war schon interessant genug, viel interessanter waren aber die Diskussionen bei Facebook und in anderen sozialen Netzen. Viele Männer haben die Frau als „verklemmte Schlampe“ oder schlimmeres tituliert. Viele Frauen waren von der Aktion begeistert, aber viele Frauen haben auch kein Verständnis für diese Aktion gehabt und der Instagrammerin tatsächlich sogar vorgeworfen, dass sie doch froh sein kann, überhaupt angesprochen zu werden.

Alternativlos?

Haben die Frauen eine Alternative? Wir Männer machen es uns ja oft einfach. Wir sagen zu unseren Frauen, dass sie solche Wichser einfach ignorieren sollen. Doch die Wahrheit ist, dass diese Typen dann tatsächlich nicht aufhören. Nach einem dummen, vielleicht sogar noch lustigen Spruch kommt ein sexuell anrüchiger Spruch. Nach diesem Spruch kommt dann irgendwann das „bist 'ne Lesbe?“ und irgendwann kommt die Beleidigung. In zig Clubs, auf zig Parties habe ich zu meiner Zeit als DJ exakt solche Situationen erlebt. Körperlich kann eine Frau einem Typen trotz allem nicht das Wasser reichen. Mädchen prügeln sich nicht, wird noch immer gebetsmühlenartig im Kindergarten und in der Schule zelebriert und daher fehlt Frauen oft die Erfahrung, sich überhaupt körperlich auseinander zu setzen. Gewalt ist keine Lösung, selbst als Mann vermeide ich Gewalt mit aller Macht.

Können Frauen überhaupt etwas tun? Wenn ich so darüber nachdenke, sieht es ziemlich düster aus. In einer Situation, in der die Frau betatscht wird, kann sie nur laut auf sich aufmerksam machen. In einer Situation, in der sie allein ist, kann sie lediglich das beste hoffen und sich darauf verlassen, im richtigen Moment angemessen zu reagieren. Das wird ihr aber sehr schwer gemacht.

Sexuelle Belästigung ist überall präsent und tatsächlich so schlimm, wie man es sich vorstellt. Vor einer Frau spontan zu masturbieren ist ganz klar sexuelle Belästigung. Einem Mann in den Arsch zu kneifen ist auch sexuelle Belästigung. Einer Frau an die Brüste fassen ist sexuelle Belästigung. Einen wildfremden Mann einfach so eng anzutanzen ist auch sexuelle Belästigung. Der Unterschied ist nur, dass Männer manchmal kein Problem damit haben, angetatscht zu werden. Egal ob Single oder nicht, für einen Mann ist es zumindest erst einmal ein wenig Bestätigung, wenn er von einer Frau irgendwie direkt begehrt wird. Allerdings ist der Grat hier wirklich sehr schmal. Ebenso wie bei der Frau auch.

Wie geht man jetzt damit um?

#MeToo hat Männer und Frauen verunsichert aber auch gestärkt. Frauen und auch Männer erheben sich und stellen fest, dass das Verhalten ihnen gegenüber nicht korrekt war. Dabei ist es eigentlich sehr einfach, nicht zu belästigen: Als heterosexueller Mann solltest du dich fragen, ob du dieses Kompliment einem Mann gegenüber genau so bringen würdest. Und zwar genau so. Würdest du einen Mann auch in den Arm nehmen, wenn ihr Feuerwerk anguckt? Warum machst Du es dann bei einer Frau?

Gegenseitiger Respekt sollte immer unabhängig vom Geschlecht sein. Das beginnt schon beim Flirt und endet niemals.

Photo by Mihai Surdu on Unsplash


Getagged unter: Politik,
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