RIP John Perry Barlow

John Perry Barlow war der Songtexter der Grateful Dead. John Perry Barlow war einer der Gründer der Electronic Frontier Foundation, einer Organisation, die sich für die Grundrechte im Internet einsetzt. Dank John Perry Barlow fällt Programmcode unter die freie Meinungsäußerung, Emails galten in den USA ebenso schützenswert wie Telefongespräche. Barlow hatte sich, noch bevor es Google oder Facebook gab, mit den Rechten und Pflichten im Cyberspace beschäftigt und Schnellschüsse von Regierungen mithilfe seiner Stiftung angeklagt und so das Internet, wie wir es heute kennen, massiv mitgestaltet. Er hat niemals einen Hehl daraus gemacht, dass er das Internet als Utopie sieht, doch er kämpfte immer hart dafür, dass das Netz „eine Welt werde, wo jeder überall seine Überzeugungen ausdrücken könne, egal wie einzigartig diese seien, ohne Furcht davor zu haben, in Schweigen oder Konformität gezwungen zu werden.“

Barlow starb am 6.2.2018 und hinterlässt eine riesige Lücke in den Reihen der Freiheitskämpfer der Meinungsäußerung. In Zeiten, in denen Journalisten wegen ihrer Texte im Gefängnis sitzen, sind Menschen wie Barlow wichtige Pfeiler der Vernunft.

Wir leben in einer Welt, in der Regierungen versuchen, eigene Gesetze im Internet zu forcieren. Eine Welt, in der Urheberrechtsblödsinn vor Menschenrechte gestellt wird. John Perry Barlow hat bereits 1996 diese Erklärung verfasst. Die Übersetzung stammt von mir, ich bitte darum, sachliche Fehler zu melden 😅😅😅

Eine Erklärung zur Unabhängigkeit des Cyberspace

Regierungen der industriellen Welt, ihr schwerfälligen Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Auftrag der Zukunft bitte ich euch aus der Vergangenheit, uns in Ruhe zu lassen. Ihr seid bei uns nicht willkommen. Ihr habt keine Souveränität an dem Platz, wo wir uns versammeln.

Wir haben keine gewählte Regierung, wir werden wahrscheinlich auch nie eine haben. Ich wende mich also ohne größere Autorität außer der, mit der die Freiheit selbst spricht an euch. Ich erkläre den globalen sozialen Platz, den wir schaffen als natürlich Unabhängig von den Tyranneien, die ihr uns auferlegen wollt. Ihr habt kein moralisches Recht uns Regeln aufzuerlegen, noch verfügt ihr über Methoden, uns eure Meinung aufzudrängen. Wir haben keinen Grund Angst zu haben.

Regierungen erhalten ihre Kraft aus der Zustimmung der Regierten. Ihr habt unsere nie erbeten und auch nie erhalten. Wir haben euch nicht eingeladen. Ihr kennt uns nicht, ihr kennt unsere Welt nicht. Der Cyberspace liegt nicht in euren Grenzen. Glaubt nicht, dass ihr ihn bauen/verändern könntet, als wäre es ein öffentliches Bauprojekt. Ihr könnt es nicht. Es ist ein Naturereignis und es wächst durch unsere gemeinsamen Aktionen.

Ihr habt euch nicht an unseren Konversationen beteiligt, ihr habt auch nicht den Wert unserer Marktplätze erschaffen. Ihr kennt nicht unsere Kultur, unsere Ethik oder die ungeschriebenen Regeln, die bereits jetzt unsere Gesellschaft besser organisieren als es durch euren Einfluss je möglich wäre.

Ihr behauptet, dass es bei uns Probleme gibt, die ihr lösen müsstet. Diese Behauptung nutzt ihr, um in unsere Bezirke einzumarschieren. Doch diese Probleme existieren nicht. Wären es echte Probleme, würden wir sie finden und nach unserer Philosophie behandeln. Wir schreiben unseren eigenen Gesellschaftsertrag. Diese, unsere Regierung wird sich nach den Bedingungen unserer Welt richten, nicht nach eurer. Unsere Welt ist andersartig.

Der Cyberspace besteht aus Transaktionen, Beziehungen und dem Denken selbst, wie eine allgegenwärtige stehende Welle im Netz unserer Kommunikation. Unsere Welt ist überall und nirgends aber es leben keine Körper in ihr.

Wir schaffen eine Welt, die jeder betreten darf, ohne Bevorzugung bezüglich Rasse, wirtschaftlicher Kraft, militärischer Macht oder Geburtsort.

Wir schaffen eine Welt, wo jeder, überall seinen/ihren Glauben vertreten darf, egal wie individuell diese auch sind. Man muss keine Angst haben, im Schweigen des Angepasst-seins verdammt zu werden.

Eure Rechtskonzepte von Besitz, Ausdruck, Identität, Bewegung und Kontext gelten nicht für uns. Diese Gesetze gelten für Materie. Materie existiert bei uns nicht.

Unsere Identitäten haben keinen Körper. Im Gegensatz zu euch kann man uns nicht physisch bestrafen. Wir glauben, dass die Ethik und aufgeklärtes Selbstinteresse und das Gemeinschaftswohl dazu beiträgt, dass unsere Regierung sich erhebt. Unsere Identitäten mögen in all euren Rechtsprechungen verteilt sein. Das einzige Gesetz, dass all unsere Kulturen akzeptieren ist die goldene Regel. Wir hoffen, dass wir in der Lage sind unsere Probleme mit dieser Regel zu lösen. Eure aufgedrängten Lösungen können und werden wir niemals akzeptieren.

In den Vereinigten Staaten habt ihr ein Gesetz erschaffen. Dieses Gesetz würdigt eure eigene Verfassung herab und beleidigt die Träume von Jefferson, Washington, Mill, Madison, DeToquevill und Brandeis. Diese Träume müssen in uns neu geboren werden.

Ihr fürchtet euch vor euren eigenen Kindern. Sie sind Ureinwohner in einer Welt, in der Ihr nur die Einwanderer seid. Weil ihr sie fürchtet, vertraut ihr eurer Bürokratie und gebt ihnen die elterliche Verantwortung, vor der ihr euch feige versteckt. In unserer Welt sind Gefühle und Ausdruck von Menschlichkeit von der zerstörerischen, bis zur engelsgleichen Teil einer weltumspannenden ganzen Konversation der Bits. Wir können die Luft, die uns erstickt nicht von der Luft trennen, die unsere Flügelschläge trägt.

In China, Deutschland, Frankreich, Russland, Singapur, Italien und den Vereinigten Staaten habt ihr Wachen an den Grenzen vom Cyberspace postiert, die den Freiheitsvirus eindämmen sollen. Diese Wachen halten unsere Gedanken vielleicht eine Weile zurück aber sie werden uns nicht ewig stoppen können, in einer Welt, die von Bits und Bytes zugedeckt wird.

Eure veralteten Informationsindustrien wollen sich am Leben erhalten, indem sie in Amerika und auch woanders die „Rede“ als BESITZ in der Welt definieren. Diese Gesetze können nur ein altes Industrieprodukt umschreiben, nicht besser als Rohstahl. In unserer Welt kann das, was das menschliche Hirn erschaffen kann, reproduziert und verteilt werden. Kostenlos und unendlich. Die Übertragung von Reden und Gedanken ist nicht mehr abhängig von euren Fabriken.

Diese feindlichen und kolonialen Maßnahmen versetzen uns dieselbe Lage wie frühere freiheitsliebende und selbst bestimmende Menschen, die die Autoritäten entfernter und unwissender Mächte zurückweisen mussten. Wir müssen unsere Virtuellen Selbstbildnisse gegen eure Souveränität immunisieren, auch und gerade dann, wenn ihr unsere Körper bestrafen wollt. Wir werden uns über diesen Planeten verteilen und keiner kann unsere Gedanken einsperren.

Wir schaffen eine Zivilisation des Geistes im Cyberspace. Möge diese humaner und besser sein als die Welt, die unsere Regierungen erschaffen haben.

Davos, Schweiz, 8. Februar 1996

Original von John Perry Barlow., Übersetzung von mir

Das Foto stammt von Joi Ito und steht unter einer CC-Lizenz.

Lesezeit: 06:45 Minuten
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