Diskussionen im Internet sind sinnlos – von Political Correctness zu Meinungsfreiheit

Seit 30 Jahren haben wir nun dieses World-Wide-Web. Das WWW zeichnete sich dadurch aus, dass ein Protokoll und eine Dokumentensprache erfunden wurde, die es ermöglichte, Schlagwörter zu verlinken. Es konnten problemlos andere Server verlinkt werden und dank eines Browsers, der diese Dokumentensprache namens HTML beherrschte, war es sogar egal, welches Betriebssystem auf diesem Server lief.

Das WWW war in erster Linie zur Informationsfindung gedacht. HTML-Seiten waren statische Konstruktionen, ein Link zu einer anderen Seite war das höchste der Gefühle, was Interaktion betraf, dabei verlinkte jedoch nur jene Seite auf jene andere Seite. Die Leute fanden es spannend und weil es im WWW stand, genoss es eine gewisse Integrität. Denn damals konnte ja nicht irgend jemand irgend etwas in das WWW publizieren. Zum einen war das ziemlich teuer und zum anderen konnte ja kaum einer dieses HTML. Daher bestanden die ersten paar Webseiten aus wissenschaftlichen, korrekten Texten. Das Web selbst sollte als weltumspannender Datenpool gesehen werden, mit dem Wissen der Menschheit.

Wir wissen alle, wohin sich das Web entwickelt hat. HTML muss man als Benutzer gar nicht mehr können und publizieren kann dank sozialer Netzwerke und professioneller CMS-Software auch jeder. Hostingkosten sind verschwindend klein und auch eher optional, da viele Dienste das alles kostenlos anbieten. Jeder ist heute Publisher, Journalist, Autor und Medienschaffender.

Das Web ist ein gigantisches Gewusel von Meinungen und Fakten. Jeder hat seine Version der eigenen Wahrheit, jeder vertritt seinen Standpunkt und vor allem glaubt jeder, dass seine Meinung richtig ist. Jeder denkt, dass sein Humor witzig ist. Jeder glaubt, dass man „Zigeunerschnitzel“ oder „Negerkuss“ sagen darf. Männer, die Frauen auf den Arsch hauen, sind frauenfeindliche Schweine oder eben auch nicht. Frauen, die sich über diese Männer beschweren, werden als Trockenpflaumen bezeichnet oder als Feministinnen gefeiert. Oder eben auch nicht.

Alles, was von einer bestimmten Meinung abweicht, ist entweder cool, weil es dem Zeitgeist entspricht. Oder es ist frauenfeindlich, rassistisch, männerhassend, linksgrünverseucht, bescheuert, schlau, verfickt gut oder abgefucked bösartig. Und sowieso ist nur erlaubt, was am besten niemanden irgendwie angreift.

Kommunikation

Tatsächlich ist es aber Quatsch: Jeder Kommunikationswissenschaftler wird aufschlüsseln können, dass das, was du sagst, sich komplett von dem unterscheidet, was jemand unter deinem gesagten versteht. Es gibt verschiedene Ebenen der Kommunikation. Und bei jeder Art der Kommunikation entscheidet der Empfänger über die übertragene Botschaft.

Ein kleines Beispiel: Ich sage zu einem guten Freund, dass er ne dumme Sau ist, weil er im Fahrstuhl neben mir gefurzt hat. Wir hauen uns gegenseitig auf die Schulter und gratulieren uns zu der Duftqualität der Körperausdünstung.

Ich sage zu einem völlig fremden Menschen, dass er ne dumme Sau ist. Wir hauen uns gegenseitig in die Fresse, weil der Fremde entsprechend sauer auf mich ist.

WAS man sagt, ist irrelevant. Mein Freund weiß ganz genau, dass ich ihn scherzhaft als dumme Sau bezeichne. Der exakt selbe Satz löst bei einem Fremden aber Wut aus. Ich hätte den Satz auch massiv grinsend mit einem Lächeln unterstreichen können und je nachdem, wie der Fremde so drauf ist, hätte er auch freundlich reagieren können, weil ich deutlich eine humoristische Botschaft übertragen habe. Durch Körpersprache.

Kommunikation im WWW

Selbstdarstellung

Im WWW haben wir ganz große Herausforderungen. Zum einen sind die Leute, denen wir unsere Meinung geigen, nicht unsere Freunde. Die meisten der 5 Milliarden Menschen im Internet haben noch nie von uns gehört. Viele von denen finden uns allein schon wegen des Namens blöd und viele andere interpretieren aufgrund des Namens irgendwas in uns herein. Ich heiße Schindler, was glaubt ihr, wie oft ich Witze in Kombination mit irgendwelchen Listen zu hören kriege.

Im Web bist du also automatisch so oder so in einer Schublade. Wenn du ein Profilbild in sozialen Netzwerken benutzt, sagt das Bild über dich so einiges aus. Du willst dich entweder absichtlich hässlich darstellen oder – und das ist die Regel – du verwendest massive Instagram-Filter. Oder du nutzt irgendwelche Mangas als Avatar. Dein Avatar/Profilbild legt also schon mal fest, wie dein Gegenüber dich wahrnimmt.

Ich habe ein richtig geiles Foto von mir. Da sehe ich wirklich sehr, sehr gut drauf aus. Mir ist bei Twitter aufgefallen, dass die Anzahl der weiblichen Follower sich zum Positiven verändert hat. Nur aufgrund des Bildes. Der Schwachsinn, den ich bei Twitter von mir gebe, hat sich nicht geändert.

Das geschriebene Wort

Unabhängig von der Schublade, in der ich aufgrund meines Profilbildes lande, ist das geschriebene Wort unfassbar missverständlich. Es gab irgendwann mal bei Twitter einen User, der ganz klar sagte, dass er eine Frau schlagen würde. Natürlich gab es einen Aufschrei. Die Feministinnenfraktion rastete aus, #MeToo-Anhänger und -Anhängerinnen stürzten sich wie die Geier auf den Urheber des Posts. Er hatte gar keine Chance mehr, das zu relativieren. Als Anhänger der BDSM-Szene gehört es durchaus dazu, einer Frau durchaus mal eine zu kleben. Das witzige ist, im BDSM-Bereich will die Frau das. Das hat nichts mit Frauenfeindlichkeit zu tun. Es ist eine sexuelle Spielart.

Wie dem auch sei, der Drops war nun gelutscht und aus nem Typen, der einen Satz in einem seltsamen Zusammenhang gebracht hat, wurde das Feindbild vieler Menschen. Da er auch sonst kein Blatt vor den Mund nimmt, hat er davon keinen bleibenden Schaden davon getragen. Es geht nur darum, dass die Leute das völlig falsch aufgefasst haben.

Diese Art von Missverstehen hat man im Web aber ständig. Da posten Männer tanzende Perserinnen und werfen den Frauen hier vor, dass deren Art von Feminismus ein großer Haufen Mimimi ist und dass die Frauen im Iran ja viel mutiger sind. Auf der Kommunikationsebene kommt allerdings nur der Bereich der „Beziehungsebene“ an. Die Frauen fühlen sich angegriffen, weil ein Mann die Frechheit besitzt, den Frauen zu sagen, wann sie empört zu sein haben.

Was uns allen fehlt, ist Empathie

Das Problem einer Diskussion im Web ist doch folgendes: Ich als Mann habe keine Ahnung, wie eine Frau sich bei solchen Vorwürfen fühlt. Wie auch? Ich bin ein Mann, woher soll ich die Gefühlswelt einer Frau verstehen, die nachts in einer dunklen Straße auf ein Taxi wartet? Wie soll ich verstehen, wie fies sich Regelschmerzen anfühlen? Wie soll ich als Mann verstehen, warum ich mich als Frau ständig beobachtet fühle? Ich kann das nicht.

Ich kann als Hundebesitzer auch nicht verstehen, was die Leute an Katzen so toll finden. Frauen verstehen nicht, wie es ist, als Mann herum zu laufen und im Club oder in der Diskothek ja nichts falsches sagen zu wollen. Millenials in ihren coolen Hipsterbüros verstehen nicht, warum Opa Heinrich mit kaputten Knien darüber lächelt, wenn ein Webentwickler von Burnout redet. Umweltschützer glauben an ihre Wahrheit, dass Feinstaub bösartig ist, während der normale Dieselfahrer 90 Jahre alt wird und sich topfit fühlt.

Wir können nicht in den Kopf und in die Gefühlswelt von anderen Menschen eintauchen. Die Menschen, die das können, sind verdammte Genies und werden in Pflegeberufen verheizt. Aber selbst diese Empathie-Genies sind im Internet aufgeschmissen, weil die nonverbale Kommunikation komplett fehlt.

Wenn ich als weißer Mann einen Witz über das N-Wort mache, muss ich damit rechnen, dass ich allein wegen des N-Wortes angegriffen werde. Oh und ja, es gibt genug dunkelhäutige Menschen, denen es scheissegal ist, was ich sage. Sie finden es lustig und es gibt genug andere, die mich allein wegen des N-Wortes töten würde.

Wenn es danach geht, dürfte ich überhaupt gar nichts mehr sagen. Aber ich tu es trotzdem. In meinem Umfeld. In meinem Freundeskreis. Dort ist meine Meinung auch nicht die einzige Wahrheit, aber mein Freundeskreis versteht, was ich tatsächlich MEINE.

Im Web sind 5 Milliarden Menschen, die nicht wissen, was ich meine.

Beherzigt das. Im Netz zu diskutieren, ist Quatsch.

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Wie deckt man ein Fakeprofil auf Eure doofen Artikel zum Thema erfolgreich bloggen nerven Welche anderen Blogs lese ich denn noch so Besser reden Seid schlau Werden die Menschen immer bekloppter Warum ich doch wieder da bin! Ready Player One  - wie weit sind wir von der OASIS wirklich entfernt Diskussionen im Internet sind sinnlos – von Political Correctness zu Meinungsfreiheit Internet Detox - warum ich nur noch das allerwichtigste im Netz machen werde Soziale Netzwerke sind Gift - Genderzeug und Nazis und Impfgegner Warum ich keine Kommentarfunktion erlaube
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