Setzen Sechs - Schule ist total am Thema vorbei

Setzen Sechs - Schule ist total am Thema vorbei

Musikunterricht, Sport und auch Kunst wird an vielen Schulen nur noch im erschreckend kleinen Rahmen unterrichtet. Noch immer wird in Schulen den Kindern Mathematik, eine die Regeln der eigenen Sprache, eine Fremdsprache (meist englisch) und optional eine zweite Fremdsprache (spanisch/französisch) gelehrt. Es gibt manchmal ein wenig Werkunterricht und überflüssigerweise wird den Kindern auch Religion beigebracht.

Wenn man sich anschaut, wie dieser Unterricht aufgeteilt ist, bemerkt man schnell, dass naturwissenschaftliche Fächer den Löwenanteil eines Stundenplans einnehmen. Wenn man sich von einer beliebigen allgemeinbildenden Schule den Stundenplan herunterlädt, sieht man viele Deutsch-, Mathe und Englischstunden. Es werden naturwissenschaftliche Fächer wie Biologie, Physik und auch Chemie unterrichtet. Kunst und Musik findet man maximal ein- bis zweimal eine Stunde pro Woche und meistens werden die kulturellen Fächer sogar nur in einem Halbjahr unterrichtet. Sport wird mit ca. 2 Stunden in der Woche unterrichtet und damit ist Sport ebenso „wichtig“ wie Religion. Die Kinder lernen also sinngemäß die Sachen, die ein Taschenrechner heute automatisch kann und die eine Autokorrektur ihnen abnimmt.

Versteht mich nicht falsch: Ich sage nicht, dass Mathematik und Deutsch nicht wichtig sind. Ich sage lediglich, dass es - wenn Kopfrechnen und eine gewisse Rechtschreibung verinnerlicht wurde - unnötig ist, diese Fächer in diesem Maße weiter zu vermitteln. Schulen sollten Mathematik so vermitteln, dass es sitzt. Wenn man ein Kind nach 50% von 128 g fragt, sollte das Kind im Kopf wissen, dass es die Hälfte ist und spontan 64 g sagen. Das sollten Kids können. Im Unterricht sollte für komplexere Aufgaben vermittelt werden, wie man so etwas einfach in den Taschenrechner hämmert (128x0,5=64) und wie man die Mehrwertsteuer auf einen Produktpreis draufrechnet (100€x1,19). Das ist wissen, das man wirklich in kurzer Zeit absolut sicher vermitteln kann. Dafür müssen sich Kinder nicht 12 Jahre lang mit jeweils 2-3 Mathestunden in der Woche herumschlagen. Das gleiche gilt auch für Deutsch als Fach. In der Grundschule sollte vermittelt werden, was ein Nomen ist, was ein Verb ist und danach sollte man lernen, wie man Fälle benutzt. Das reicht aus.

Der Deutschunterricht sollte anschließend die Kreativität fördern. Das Kind sollte eine Geschichte schreiben und dabei komplette Narrenfreiheit haben, was für eine Art Geschichte das wird. Das Kind will dichten? Dadaismus? Super! Dann lasst das Kind die Freude am geschriebenen Wort doch entdecken. Das ist eintausend mal besser, als die Buchbesprechung eines langweiligen Typen oder ein Diktat. Wir sitzen als Schüler endlos gelangweilt in den Klassenräumen und später, nach der Schule, als Erwachsene, besuchen wir VHS-Kurse zum Thema „kreatives Schreiben“. Das ist doch krank?

Mein Hassfach ist ja Religion. Meiner Meinung nach verstößt Religionsunterricht der Trennung zwischen Staat und Kirche. Abgesehen davon ist es die Aufgabe der Kirche, den Kindern beizubringen, wer Jesus war und was er so gemacht hat. Dafür gehen die Kinder in den Konfirmandenunterricht oder in die Sonntagsschule. Klar, das machen die in erster Linie, weil es zur Konfirmation eine Menge Geld gibt. Aber das ist doch egal. Ein staatliches Organ sollte so einen Science-Fiction-Kram wie Religion nicht vermitteln. Werte und Ethik sollten aber durchaus vermittelt werden. Den Kindern sollte ein moralisches Empfinden beigebracht werden. Neben dem Elternhaus ist die Schule der Ort, in dem die Kinder die meiste Zeit verbringen. Innerhalb dieser Fächer sollten Konfliktlösungen zwischen Mitschülern erarbeitet werden. Es sollte in Ethik darüber sinniert werden, wie man Mobbing vermeiden kann und wie man das Zusammenleben verbessern kann. Solche Erfahrungen benötigt man Zwischenmenschlichen doch immer wieder.

Politik sollte nicht als dröges Unterrichtsfach vermittelt werden. Politik sollte lebendig sein und sich am Tagesgeschehen anpassen. Fragen wie: „Warum sind die Flüchtlinge hier?“ oder „Wieso exportiert Deutschland Waffen an Diktaturen“ sollten geklärt werden. Im Politikunterricht sollten die Kinder Konzepte ausarbeiten dürfen, wie man zukünftig mehr Pflegestellen besetzen kann und nicht darüber sinnieren, was eine Demokratie eigentlich ist. Demokratie ist ein lebendiges System und kann viel mehr über Abstimmungen im Politik-Unterricht erklärt werden.

Musik, Sport und Kunst werden hoffnungslos vernachlässigt. Jedes dieser Fächer wird 0,5 Mal / Woche unterrichtet. Die Ausnahme ist Sport, welches mit 2 Stunden in der Woche vorhanden ist. Doch Schulsport ist oft Leistungssport: Wenn eine Schulklasse viele Fußballer hat, wird Fußball gespielt. Die Kids, die Fußball nicht mögen, kriegen schlechte Noten. Im Sportunterricht sollte der Spaß an der Bewegung vermittelt werden. Sport sollte nicht in einer piefigen Halle oder auf einem abgeranzten Sportplatz stattfinden. Sport sollte auch das sein, was wir später als Erwachsene freiwillig suchen: Tanzen, Bouldern, Kraftsport, Wandern und vielleicht auch Yoga. Die Kinder bewegen sich immer weniger, daher sollte Sport viel häufiger im Lehrplan vorhanden sein und vor allem klassenübergreifend und sogar Jahrgangsübergreifend stattfinden. Die Großen und die Kleinen können miteinander spielen und sich gegenseitig besser kennenlernen. Das verbessert die gesamte Schulkultur.

Das gleiche gilt für den Musikunterricht. Schüler - egal welchen Alters - sollten viel mehr Zeit in Gesangsklassen oder zum Beispiel Drummer-Klassen verbringen. Wenn jemand keinen Flügel zuhause hat, sollte die Schule dem pianobegeisterten Schüler ermöglichen, dieses geile Instrument zu spielen. Altersübergreifender Musikunterricht bringt erfahrene Drummer und komplette Noobs zusammen und dabei können die Kleinen von den Großen lernen. Oder halt umgekehrt, wenn der Kleine bereits Privatunterricht hatte. In der Pubertät können Jungs sowieso nicht singen, für die Mädchen ist das allerdings eine echte Chance.

Ein Musterbeispiel für richtig tollen Unterricht wäre Kunst. Wenn man sich heute zeitgenössische Ölgemälde anschaut, so dominieren starke Farben. Kinder malen genau wie hochbezahlte Künstler. Doch Kunstunterricht beschäftigt sich zuviel mit Daten und Fakten. Es ist doch egal, ob ich romantisch oder gotisch male. Wenn ich den Namen eines Künstlers wissen will, kann ich mich auf die Maschinen verlassen. Im Internet steht drin, wer für romantische Gemälde besonders gelobt wurde.

Tatsächlich mache ich mir Sorgen um unsere Kinder. Sie lernen jede Menge Quatsch, den sie nie wieder brauchen. Sie lernen Dinge, die Computer und Roboter viel besser können als sie. Sie lernen nicht, wie man miteinander umgehen sollte. Sie lernen nicht, wie man sich vernünftig artikuliert. Stattdessen lernen sie, wie man im Kopf völlig sinnlose binomische Formeln auflöst oder sie lernen, dass Max Frisch mit Homo Faber teilweise autobiographische Ereignisse verarbeitet hat. Mal ehrlich: Wen interessiert so etwas? Welches Kind kommt nach der Schule nach Hause und freut sich darüber, dass die Reimform rein oder reich ist.

Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen

Es gab vor zwei Jahren mal einen Tweet einer Schülerin, die darüber sinnierte, dass sie Gedichte in 4 Sprachen besprechen könnte, aber keine Ahnung davon hat, wie man Steuern, Miete oder Versicherungen verstehen könnte. Der Tweet hatte innerhalb weniger Stunden über 10.000 Retweets und Mitschüler und auch einige Lehrer stimmten der Schülerin zu. Wirklich viel passiert ist seitdem allerdings nichts. Schüler sitzen noch immer viel zu häufig in Reihen vor der Tafel und hören sich das Gequassel einer Person an. Dieses Gequassel nennt sich dann Unterricht. Das Gequassel wird aufgeschrieben und nach 5 Jahren hat man dann demotivierte Schüler und noch viel demotiviertere Lehrer, die jedes Jahr dasselbe Gequassel vom Stapel lassen.

Was spricht dagegen, in Teams Lösungen zu erarbeiten? Machen wir im Berufsleben doch auch? Wir bilden Scrum-Teams und erarbeiten Konzepte, die wir dem Kunden (Lehrer) vorlegen. Der Lehrer teilt uns mit, wo die Konzepte Lücken haben und motiviert erarbeiten wir neue Konzepte. So funktioniert die Privatwirtschaft, auf die uns die Schule vorbereiten will, warum funktioniert die Schule selbst nicht so?

An die Schüler, die das hier lesen: Wie findet IHR die Schule so?

Liebe Eltern, stimmt ihr mir zu?

Leider hat hier noch keiner seinen Senf zum Thema abgegeben. Sei du doch der erste. Oder die erste. Oder das letzte.

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