Hardstyle - nicht nur ein Musikgenre

Vor mittlerweile fast 20 Jahren waren Dirk „Nightflyer“ Brunken und ich die Gründer einer Website namens Hardstyle-TV. Bevor es Partyportale wie Nightloop oder Tonight gab, rannten Dirk und ich durch die Clubs und schossen Fotos. Es gab noch kein Youtube und Videos zu hosten kam einem finanziellen Selbstmord gleich, denn Webspace war seinerzeit extrem kostbar und man musste sogar noch für den verbrauchten Traffic zahlen. Dennoch waren wir tatsächlich die ersten, die Dance-Events mit Videos dokumentierten.

Das Konzept von Hardstyle-TV sah so aus: Wir waren auf jedem großen und kleinen Event, bei dem Hardstyle gespielt wurde und dokumentierten die Party sowohl über Fotos und auch über Videos. Da der Sound des Videos in Reinform nicht zu gebrauchen war, schnitten wir die 4-5 Stunden Video pro Abend auf ein 6 Minuten Video herunter und unterlegten dieses Video zumeist mit selbstproduzierten Tracks. Dirk war der Meister-Cutter und für die Videos verantwortlich, ich machte das Coding und die Songs.

Wir haben in der Zeit teilweise 6-7 Events in einer einzigen Woche gehabt, weil wir durch ganz Deutschland fuhren und auch jedes Event in den Niederlanden und in Belgien mitgenommen haben. Wir waren unter anderem im Bridge Meppen, im Zak Uelsen, in der Fun Factory Wildeshausen, im Kontrast Marzahn, im Extra Friesoythe, im Mark4 Zetel, in Stuttgart (Rave in Church), bei der Defqon 1 2007, 2008 und unter anderem auch im New Bambu in SH oder im Twister in Sande. Wir erlebten Live Hardstyle-Größen wie Blutonium Boy, wir trafen DJ Neo, wir haben regelmässig mit DJ Isaac oder auch mit Gary D. telefoniert. Tatsächlich gab es eine Zeit, da haben wir wirklich gedacht, man könnte davon leben.

Screenshot der Seite Hardstyle kurz vorm Schliessen Damaliges Teamfoto

In der Zeit war Hardstyle mein Anker, es war die perfekte Mischung aus Trance (für das Gefühl) und Hardcore (für das andere Gefühl) und ich habe mich in der Szene sehr wohl gefühlt. In der Zeit lernte ich das Auflegen und habe dann auch auf diversen Gigs vor hunderten von Leuten aufgelegt. Doch mit Hardstyle-TV lief es irgendwann nicht mehr so gut. Wir hatten eine unfassbare Reichweite und neben tausenden von registrierten Fans im Forum waren bei uns auch alle möglichen Produzenten und Deejays aktiv im Forum und wir waren eine richtige „Hardstyle-Familie“, wir tauschten Produzententipps aus und es wurden auch Eintrittskarten für alle möglichen Events verlost.

Das klang alles total schön, es endete aber relativ abrupt. Es ging nicht mehr. Der Aufwand für Hardstyle-TV war gigantisch und auch während die Werbeeinnahmen okay waren, so konnte man weder die Seite selbst, noch die tausenden von Reisen zu den Events finanzieren. Wir hatten zuletzt immer eine Akkreditierung, der Eintritt war nachher nie mehr ein Problem. Aber wenn du jede Nacht herumrennst, Photos und Videos machst und in der knappen Freizeit auch noch die Community betreust und die Videos / Fotos bearbeitest und dir auch für jedes Video einen Song aus dem Ärmel schütteln sollst, geht das doch irgendwann an die Substanz.

Screenshot 2 Hardstyle.tv Das alte Logo

Also schlossen wir - relativ unspektakulär - diese Seite. Es gab noch einen letzten Newsbeitrag und hunderte von Gigabyte mit Photos und Videos verschwanden für immer. Selbst die meisten Songs, die ich für die Videos damals komponiert habe, sind Geschichte.

Dennoch bin ich für immer mit Hardstyle verbunden. Diese Musik hat mein Leben von grundauf erschüttert und beeinflusst. Es war damals sogar so, dass ich meiner jetzigen Ehefrau gesagt habe, dass die Musik bei mir immer an Platz 1 stehen wird. Das hat sich zwar geändert, doch die Musik und insbesondere eben Hardstyle ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht in den Sounds von Headhunterz, Da Tweekaz oder auch Yoji Biomehanika versinke und debil grinsend diesen Sounds lausche. Es vergeht auch nie ein Tag, an dem ich denke, dass ich mich mal wieder selbst ins Studio setzen sollte und wieder mal einen Song machen sollte.

Hardstyle ist ein großer Teil von mir. Ich lebe Hardstyle.

Ich sah übrigens nie, wie ein Hardstyler aus. Ich wirkte auf niemanden wie ein Raver doch an den Plattendecks fühlte ich mich wohl. Ich liebte es, die Menge zum Feiern zu bringen. Ich habe auch selbst in den Clubs die Nächte durchgetanzt und war meistens der letzte, den man aus dem Club schmeissen musste. Und dabei habe ich noch nicht einmal Drogen genommen oder besonders viel Alkohol getrunken. Allein die Musik hielt mich auf Trab und ein guter Hardstyle-Song bringt mir noch immer eine Gänsehaut.

Warum schreibe ich das? Ich weiß es nicht genau. Ich suche gerade Strohhalme, an denen ich mich festhalten kann, wenn es mir nicht so gut geht. Wenn ich Zweifel habe oder wenn ich das Gefühl habe, Stress zu haben. Musik erfüllt mich und Musik beruhigt mich.

Andere Leute haben früher auch gefeiert. Natürlich. Und viele sind losgegangen, um zu tanzen. Um einen Partner oder eine Partnerin kennen zu lernen. Das war mir alles egal. Ich wollte zu der Zeit die Bässe spüren und die Musik in mich aufnehmen. Hardstyle gab mir Wärme und ich fühlte mich mit dieser Musik einfach nur gut.

Also raus damit, welche Musik hört ihr am Liebsten? Oder kanntet ihr sogar mal Hardstyle.tv?!

Lesezeit: 05:35 Minuten
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Kommentare


Also ich habe ja mehrere Genres, die ich gerne höre. Die Schnittmenge dieser Genres sind Gitarrensound und Gesang. Weswegen ich aber hier eher kommentiere, ist die Erinnerung an Event-Sites. Und damit meine ich jetzt nicht die Sammelseiten, die daraus Profit schlagen, sondern eben die kleinen Sites von Szene-Fotografen, die eben nicht extra für Geld fotografierten. Die Partys, zu denen ich eher ging, wie der Schattentanz im Mark4 in Zetel oder der Cirqué de Lune waren für die großen Seiten eher uninteressant und so war es toll, dass es Leute aus der Szene gab, die fotografierten und die Bilder auf ihren Seiten - oder eben der Homepage zum Event selber - ausstellten. Hach damals :D

Ja, damals gab es gerade auf den Schattentänzen immer ein paar richtig gute Fotografen, die sich irgendwann in der Gothic-Szene einen Namen machen konnten. Die Zeiten waren damals anders. Ich denke immer, dass die Leute heute schon sternhagelvoll in die Clubs reinwollen. Das war damals anders.

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