Meine musikalische Geschichte

Meine musikalische Geschichte

Mein allererstes Keyboard war ein Yamaha SHS-10. Der Demosong dieses Gerätes war der Wham-Klassiker namens Last Christmas. Das fiel mir gerade ein, weil ja bald Weihnachten ist. Meine Liebe zur Musik wurde mir in die Wiege gelegt. Meine Mutter hat mir regelmässig irgendwelche Schlaflieder vorgesungen. Ich bin ein böser Mensch, denn heute verbiete ich ihr dieses Gesinge. Angeblich fand ich das damals toll, wie sie sang. Das kann ich heute nicht mehr so richtig nachvollziehen, aber vielleicht bin ich auch einfach nur ein blödes Arschloch.

Mit dem SHS-10 lernte ich alles, was ich über Tasteninstrumente lernen konnte. Außer Noten zu lesen. Das kann ich heute auch nur mit viel, viel Zeit und auch dann kann ich das eher schlecht als recht. Direkt nach dem SHS-10 bekam ich einen Yamaha DX-21. Das Teil konnte, trotz den Namens nicht mit dem damals populären DX7 von Yamaha mithalten. Es gab keine Anschlagdynamik, die integrierten Sounds waren eher lahm, aber hey - ich hatte einen Synthesizer, der allerdings unfassbar schwer zu programmieren war. Doch im Gegensatz zu meinem SHS-10 gab es natürlich keine Background-Arrangements.

Ich brauchte irgendwie eine Möglichkeit, meine Musik aufzuzeichnen. Freunde von mir hatten bereits Ataris. Die Dinger konnten tatsächlich dank Cubase und der integrierten Midi-Schnittstelle Musik im Sequencer aufzeichnen. Man benötigte aber, um selbst gute Musik zu machen, viel Hardware. Ohne AKAI-Sampler, einem gescheiten 909-Drumcomputer, ein paar Synthesizers und einem 16-Spur-Mischpult ging zu dieser Zeit nichts. Das ganze Zeug hat damals richtig viel Geld gekostet. Allein der Atari lag bei 1200 DM und auch Cubase war natürlich nicht umsonst. Außerdem habe ich seinerzeit überhaupt nicht verstanden, wie dieses ganze MIDI überhaupt funktioniert.

Zu der Zeit hatte ich auch Klavierunterricht und lernte ein wenig Akkordeon.

Tracker

Protracker

Ich weiß gar nicht mehr, wie es zustande kam, aber irgendwer zeigte mir Protracker. Auf dem Amiga (den ich mir wegen der breiten Spieleunterstützung gekauft hatte.)

Protracker Screenshot

Von da an war es um mich geschehen. Dieses potthässliche Ding sollte mich über Jahre begleiten. Man konnte hier zwar „nur“ Samples benutzen, der Amiga besaß keinen Synthesizer-Chip, so wie der Atari oder eben auch der C64, aber eine gesampelte Drum knallt halt so richtig.

Der Amiga hatte Stereo. Das sah aber so aus, dass Kanal 1 und Kanal 3 ganz links abgespielt wurden, Kanal 2 und Kanal 4 ganz rechts. Wenn du im Soundspektrum einen Sound in der Mitte abspielen wolltest, brauchtest du 2 Kanäle, also Kanal 1 und 2, um den Sound zentriert wiederzugeben. Das war manchmal echt müßig.

OctaMed

Protracker

OctaMed war damals nach dem Protracker der Sequencer meiner Wahl. Durch geschickte Rechenoperationen konnten aus den vier Kanälen, die der Amiga normalerweise nur bot, konnte man hier mit 8 Kanälen und sogar mit Midi arbeiten. Mein eigener Amiga hatte übrigens keine Midi-Schnittstelle, ich musste die Noten über die Computertastatur eingeben, das war aber damals bei Trackern völlig normal.

PC-Zeitalter (MS-DOS)

Die Firma Amiga bzw. Commodore ging pleite. Einer der Gründe, warum ich auf den PC umstieg, war Day of the Tentacle, das leider nicht mehr für den Amiga herausgebracht wurde. Ich kaufte mir also einen PC. Auf dem PC sah es, zumindest am Anfang, richtig düster mit Musikmachen aus. Ich war 8 Kanäle gewohnt, nutzte meistens nur 4 davon und während der Amiga 8bit Stereosound abspielen konnte, hatte der PC eine AdLib-Soundkarte, die ich schnell gegen eine Soundblaster Pro austauschte. Die Adlib sah so aus:

Adlib

Auf dem PC gab es zumindest am Anfang also keine richtigen Tracker. Das änderte sich für mich erst, als ich den X-Tracker sah. Wow, das Ding war hässlich wie die Nacht. Es bot aber 32 Kanäle in 8bit und man konnte hier fast professionell Musik mit machen.

Xtracker

Das Problem beim XT war, dass man das volle Potential dieses Trackers erst mit einer richtig guten Soundkarte erschöpfen konnte. Ich brauchte also die Gravis Ultrasound. Während ich diesen Artikel schreibe, merke ich gerade, dass es die meisten Hersteller überhaupt nicht mehr gibt. Ich bin total ALT. Die Gravis Ultrasound war eine Soundkarte mit eigenem RAM-Speicher und maximal 32 parallel abspielbaren 16bit-Sample-Spuren. Da die Soundkarte selbst ihr Mixing durchführte und die Sounds im RAM der Karte gespeichert wurden, war die GUS prädestiniert für Tracker-Musik. Meine Version des X-Trackers war allerdings auf 8bit beschränkt, die 16bit-Version wurde seinerzeit nur an die Typen von Radical Rhythms rausgegeben. Ich wollte aber auch Musik in CD-Qualität machen, ein neuer Tracker musste her.

FT2 Fasttracker II by Triton Productions

Fasttracker II von Triton war eine Erleuchtung für mich. Das erste Mal hatte ich einen Tracker, bei dem ein Instrument nicht nur ein Sample war, sondern aus vielen Samples zusammen gesetzt werden konnte. Ein Klavier klingt nun einmal in tiefen Tonlagen ganz anders, als in den hohen Tonlagen. FT2 bot neben den Multisamples auch noch Hüllkurven für Lautstärke am Sample und man konnte sogar festlegen, wo im Stereopanorama das Instrument angesiedelt ist. Wenn du in meine Modfiles-Liste im Musikbereich klickst, findest du zig Dateien im XM-Format, die nahezu ausnahmslos im FT2 hergestellt wurden. Mit FT2 wurden unter anderem auch die Songs des ersten Unreal-Games erstellt. FT2 nutzte ich im Jahr 1996.

Windows

Microsoft brachte mit MS-DOS 6.22 im Jahr 1994 die letzte Version ihres textbasiertem Betriebssystems heraus. Im Jahr 1995 erschien Windows 95. Microsoft wollte alles besser machen als vorher und ist zumindest am Anfang gnadenlos gescheitert. Tausende Benutzer waren unglücklich, weil alle Spiele nicht mehr funktionierten. Damals brauchten wir, damit wir die 640 kByte Basis-RAM überschreiten konnten, den sogenannten Protected Mode in Spielen. Dieser erlaubte uns, bis zu 4 GByte RAM zu nutzen. Das Problem war halt nur, dass die Spiele im Protected Mode nicht unter Windows liefen. Microsoft hat das erkannt, daher konnte man Windows 95 und auch Windows 98 im DOS-Mode starten.

Praktisch oder gar schön war das nicht. Du musstest deinen Rechner neu hochfahren und sagen, dass er im MS-DOS-Modus neu starten sollte. Alternativ konntest du durch Anpassungen an der msdos.sys festlegen, dass Windows gar nicht mehr direkt hochfährt, sondern der PC direkt im DOS-Modus startet. So konnte ich noch bis Anfang der 2000er Jahre mit vernünftigen Programmen ohne fieses Windows arbeiten. Doch mehr und mehr Anwendungen wurden exklusiv für Windows erstellt, tatsächlich habe ich mit Cooledit auch meine Samples unter Windows bearbeitet. Cubase war aber zu der Zeit noch immer uninteressant für mich. Windows XP erschien und der DOS-Modus war tot.

Was nun? 2002 wurde ich auf den ModPlug Tracker von Olivier Lapicque aufmerksam. Komplett in Windows integriert, hatte die Bedienung dieses Programmes mit Fasttracker II so gar nichts mehr zu tun, aber dank DirectX-Soundeffekten und der Integration von Impulse-Tracker-Daten war der Tracker sehr, sehr mächtig. Ich nutzte MPT viele Jahre lang und habe sämtliche IT-Dateien im Downloads-Bereich mit eben diesem Programm erstellt. Vom ModplugTracker war ich im Lauf der Zeit so begeistert, dass ich sogar ein riesiges Tutorial zu dem Tracker schrieb.

MPT

Wer glaubt, dass das Netz nicht vergisst... Das Tutorial ist leider nirgendwo mehr zu finden 😅

Renoise

2002 kaufte ich Renoise, denn jetzt wollte ich professionell Musik machen und ich fand Cubase noch immer doof. Renoise bot komplette VST-Unterstützung, hatte alle Features, die ich an FT2 so mochte, wurde sogar bedient, wie FT2 und die Klangqualität war lediglich durch die Soundkarte und die zur Verfügung stehende CPU-Leistung begrenzt. Renoise ist auch nur ein Tracker, aber was für einer. Mit Renoise erreichte ich meine erste „professionelle“ Veröffentlichung und hatte diverse Male Gespräche mit Labels. Ich habe mich gegen die Musik entschieden und ein Leben als Coder gewählt. Dennoch nutze ich auch heute noch Renoise. Ich bin auch ein wenig stolz darauf, dass ich damals den deutschsprachigen Renoise-Wikipedia-Artikel geschrieben habe ;) (uraltsnapshot)

Die neuste Renoise-Version kann mittlerweile mit wirklich jeder anderen DAW mithalten. VST konnte Renoise sowieso von Anfang an, der interne Sampler wurde extrem erweitert und dank ReWire und Jack-Support kann Renoise in eine bestehende Umgebung per Midi-Steuerung perfekt integriert werden. Tatsächlich ist Renoise mittlerweile so gut, dass auch Bands wie Depeche Mode gerne auf Renoise zurückgreifen.

Seit 2015 bin ich nur noch unter Linux unterwegs. Renoise läuft auch unter Linux ohne Probleme und dank vieler sinnvoller Tools wie Airwave oder Carla kann ich meine alten Windows-VSt-Plugins auch unter Linux benutzen. Doch tatsächlich habe ich in den letzten 2 Jahren auch noch andere Tools zum Musikmachen benutzt. Reaper finde ich ziemlich genial.

Wie ist DEINE Geschichte? Welche Instrumente benutzt du?

Scott Gruber (modifications by me)


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Leider hat hier noch keiner seinen Senf zum Thema abgegeben. Sei du doch der erste. Oder die erste. Oder das letzte.
Wie kann man gluecklich sein RIP Hugh Hefner - allerdings hat Duncan Jones eine nicht so gute Meinung ueber dich Mobiliar aus Apple G5 Meine musikalische Geschichte typisch Norddeutsch - vom Schietwetter bis zur Karnelvalssitzung
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