typisch Norddeutsch - vom Schietwetter bis zur Karnelvalssitzung

typisch Norddeutsch - vom Schietwetter bis zur Karnelvalssitzung

Der Norden. Unendliche Weiten.Wir schreiben das Jahr 2018. Und dies ist nicht die Enterprise. Ich habe vor ein paar Tagen einen Tweet über das typische Norddeutschland zum Besten gegeben:

Hab ja jetzt gelesen, dass der Norddeutsche an sich am glücklichsten ist. Ja komm, wir ham das Meer, nie Regen („das is feuchte Luft!“) und vor allem sagen wir nur Moin oder Jo.

Uns aus dem Norden wird immer wieder vorgeworfen, dass wir stur sind: Wir kriegen den Mund nicht auf, außer wir sagen gerade mal „Moin“ oder „Jo“. Angeblich können wir nicht richtig feiern und sowieso essen wir immer nur Krabben oder Fisch.

Esskultur

Was soll ich sagen? All das stimmt natürlich grob. Natürlich essen wir auch was anderes außer Krabben und Fisch, doch wenn wir Pfannkuchen essen, kommen die Berliner mit Berlinern an. Hier gibt's auch keine Buletten, bei uns heißt die mit Zwiebeln angesetzte, zerschredderte Kuh einfach nur Frikadelle und wenn wir hier einen Charlie wollen, dann kippen wir uns Weinbrand in die Cola.

Ein Alster ist Bier mit Sprite und nicht mit Fanta. Radler sind bei uns die Typen, die Fahrrad fahren und Diesel trinken wir, wenn wir uns Cola ins Bier hämmern. Bei uns gibt's am Sonntag Grünkohl mit ordentlich Fett drin und mit fetter Kochwurst, Pinkel (Grützwurst) und Speck dabei. Kartoffeln gehören auch dazu und am besten ist der Grünkohl, wenn er 2-3 Mal aufgewärmt wurde. Sonntags gibt's für die richtig coolen Norddeutschen nen amtlichen Snirtjebraten (4-5 cm dicke Schweinefleischstücke, in Piment, Zwiebeln und Schmalz gebraten, dann 90 Minuten in Brühe gekocht), serviert mit Salzkartoffeln, Rote Beete und sauren Gurken.

Unser Essen zeichnet sich dadurch aus, dass der Kram tatsächlich von jedem gekocht werden kann, nährstoffreich ist und oft erst nach dem Aufwärmen so richtig geil ist. Fisch halt jetzt nicht so, daher gibt's die guten alten Matjes aufm Brötchen mit Zwiebeln immer mal zwischendurch. Backfisch ist lecker, haben wir aber eigentlich nur für die Touristen erfunden, damit die halt sagen können, wie geil Fisch schmeckt.

Feierkultur

Auf uns vom Norden wirkt eine Gardesitzung seltsam. Karneval bzw. auch Fasching kennen wir auch, es gibt auch vereinzelt Karnevalsvereine. Doch normalerweise sieht so eine Karnevalssitzung für uns unglaublich langweilig und ernst aus. Da hilft auch nicht, dass ein Büttenredner irgendwelche Politsatire bringt, dank des Dialekts (dazu unten mehr) verstehen wir das sowieso nicht. Auch ist traditionelle Kleidung wie zum Beispiel ein Dirndl oder eine Krachlederne für uns total oldschool. Wir feiern normalerweise in den Klamotten, die wir gerade anhaben. Das sind Jeans, Pulli oder T-Shirt. Bei den Frauen sind's halt die Sachen, die Frauen so anziehen. Sowieso: Frauen im Karneval - was ist das mit den Bützen, den Funkemariechen und diesem Krawattengeschnippel?

Wir haben Metalfestivals oder eben irgendwie so Festivals. Wacken kennt hier jeder, dann gibt es noch das Watt-En-Schlick hier in der Nähe in Dangast. Da schmeißt man sich ins Watt und lauscht der Mucke von Indiebands. In Wacken schmeißt man sich in den Matsch und lauscht der Mucke von Nicht-so-Ganz-Indie-Bands. In jedem Fall ist Feiern im Norden mit Einsauen oder halt sehr unkomplizierter Feierkultur verbunden. Wenn wir hier eine Technoparade wie die Berliner aufziehen wollen, nehmen wir nen Trecker, stellen ein paar Generatoren auf die Ladefläche vom Anhänger und tüddeln da dann eine fette Anlage dran. Das hat damals funktioniert, das geht auch heute noch.

Dialekte

Tatsächlich Deutsch wird eigentlich nur bei uns im Norden gesprochen. Das alles klingt vielleicht ein wenig nasaler als das perfekte Deutsch von Nachrichtensprechern oder Radiomoderatoren, doch wir sprechen hier in Niedersachsen und auch in Schleswig-Holstein einfach mal das, was man Deutsch nennt. Einer von uns ist im Ländle verloren. Wenn uns einer ne Fettbemme andrehen möchte, wissen wir nicht, was der will. Wir kennen keine Vesper (Väschper) oder eine zünftige Brotzeit. Wir würden auch zu nem Brötchen niemals Schrippe sagen oder ein halbes Hähnchen einen Broiler nennen. Einen Mob nennen wir einfach Feudel und wenn wir den Boden wischen, dann feudeln wir einfach.

Wenn wir „schnacken“, meinen wir reden. Bei den Bayern gibt es schnackseln, das bedeutet aber etwas komplett anderes.

Wetter

Einem Nordlicht wie mir ist grundsätzlich immer viel zu warm, wenn er die Grenze zu Süddeutschland (irgendwo höhe Harz) überschritten hat.

Wie macht ihr das, so ohne Wind überall?

Wie kann es sein, dass ihr das geil findet, wenn kein Lüftchen weht? Als ich mal durch Karlsruhe gefahren bin, war es für mich wie das Fahren gegen eine Wand, als es im Tal 30 Grad war und die Luft stand.

Wir im Norden lieben Wind. Als Regen bezeichnen wir schlechtes Wetter erst dann, wenn man nicht mehr unterscheiden kann, ob die Nordsee nun überläuft oder ob das Wasser noch von oben kommt. Deswegen haben wir den Friesennerz erfunden. Die einfachste aller Regenjacken. Einfach nur Plastik zum Anziehen. Ist überhaupt nicht atmungsaktiv, aber wenn man den Lappen an hat, bleibt man von Außen zumindest trocken. Als Sturm bezeichnen wir das Wetter erst dann, wenn unsere Schafe wegfliegen. Hier ist ja auch nichts, wo der Wind gebrochen wird. Der Wind jagt über den Acker und verliert sich dann irgendwo.

Liebe

Norddeutsche Flirttechnik:
- Moin
- Moin
- Alles gut bei dir?
- Jo
- Hast'n Freund?
- Ne.
- Willste ein?
- Jo.
- geil.
- Jo.

Kein Scheiss, so wird bei uns geflirtet. Meistens auf nem Schützenfest oder auf nem generellen Dorffest. Da gibt's sowieso nur eine Regel: Wenn du am Anfang noch nüchtern bist, schmeißt du eine Runde Bier+Schnaps für deine Freunde. Danach gibt dir jeder von denen und von deren Freunden einen aus und du kommst tatsächlich mit 10 € / Abend hin, bist am Ende aber ziemlich breit. Der abgefuckte Pommesbuden-Burger wird meistens auch von jemand anders bezahlt und alle halten dich für superspendabel.

Der oder die Norddeutschen sind beim Flirten wirklich unkompliziert. Also zumindest auf dem Land ist das so. Als Mann bist du froh, wenn die Frau nicht in einen Tuschkasten gefallen ist und als Frau bist du froh, wenn der Mann nicht in Gummistiefeln auf dem Dorfplatz herum rennt. Wenn er nicht total besoffen ist, ist er Beute für die Frau. Dann darf er noch 1-2 Wodka/Razz ausgeben und ist eigentlich der Held des Abends.

Freizeit

Es ist gelogen, wenn man behauptet, jeder Norddeutsche fährt Boot. Boote sind teuer, genau wie Surfbretter auch. Viele Norddeutsche schwimmen nicht mal gern. Das Wasser ist zum gucken da, ansonsten ersäuft man. Daher besteht die Freizeit eines Norddeutschen aus Spaziergängen mit dem Hund (den man ins Wasser lockt, mit Stöckchenwurf usw.) und Bosseln. Wobei beim Bosseln auch die Meinungen auseinander gehen. Für viele Nordlichter ist das ein echter Sport, vergleichbar mit Formel 1 oder Marathon und für viele andere Nordlichter ist Bosseln nur ein Grund, spazieren zu gehen und wortwörtlich eine ruhige Kugel zu schieben. Natürlich wird beim Bosseln (nicht im Verein, aber sonst eigentlich immer) gesoffen. Man säuft, wenn die Kugel im Graben landet, man säuft, wenn sie es nicht tut. Aber eben nicht im Verein. Da ist Bosseln was total ernsthaftes.

Im Norden wird auch weniger geangelt, als man meinen würde. Ich kenne nur 2 Leute, die regelmässig angeln gehen. Die gehen aber nicht an die Nordsee, sondern an irgendwelche Gräben oder Seen. Ansonsten sind wir auch nicht anders, als die Südländer, die Ossis oder die Halbfranzosen: Wir machen den gleichen Scheiß, wie ihr aber eben ohne VIP-Bereiche oder Oktoberfest.

Fazit

Ich liebe den Norden, das Meer und den Wind. Ich bin verrückt nach Regenwetter und die Tatsache, dass man bis zum Deich gucken kann, macht mich glücklich. Ich habe Stuttgart ausprobiert, es hat mir nicht gefallen. Saarland fand ich als Tourist ganz nett, aber wohnen möchte ich da nicht.

Hachja.

Jen We


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Leider hat hier noch keiner seinen Senf zum Thema abgegeben. Sei du doch der erste. Oder die erste. Oder das letzte.
Wie kann man gluecklich sein RIP Hugh Hefner - allerdings hat Duncan Jones eine nicht so gute Meinung ueber dich Mobiliar aus Apple G5 Meine musikalische Geschichte typisch Norddeutsch - vom Schietwetter bis zur Karnelvalssitzung
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